Trainingseinblick mit Ahmed Kutucu: Warum die richtigen Fragen oft wichtiger sind als das Training

fußball neuroathletik grundlagen der neuroathletik jebrini training leistungssport neuroathletik yassin jebrini Aug 15, 2026

Jede Trainingseinheit beginnt mit einer einfachen Frage: „Was möchtest du heute erreichen?“

Die Antwort entscheidet häufig darüber, wie gezielt gearbeitet werden kann. Doch was passiert, wenn ein Athlet keine klare Antwort darauf hat?

Genau so war es bei einer Trainingseinheit mit Ahmed Kutucu, damals Fußballprofi beim FC Schalke 04 und heute Stürmer bei Galatasaray Istanbul. Der Kontakt entstand über seinen Spielerberater, der den Termin organisiert hatte. 

Wenn das Ziel nicht klar ist

Als Ahmed zum Termin kam, fragte ich ihn zunächst nach seinem Anliegen. Gibt es Schmerzen? Eine Verletzung? Möchtest du schneller werden oder deine Beweglichkeit verbessern? Seine Antwort war eher unbestimmt. Es gab keinen konkreten Schmerz und kein klares Leistungsziel.

Genau das macht die Arbeit als Trainer anspruchsvoll. Ohne eindeutige Problemstellung geht es zunächst darum, Potenziale sichtbar zu machen und dem Athleten zu zeigen, welchen Mehrwert eine individuelle Analyse überhaupt bietet.

Der Blick auf die Ausrüstung

Deshalb begannen wir nicht mit Übungen, sondern mit etwas, das viele Sportler unterschätzen: der Ausrüstung. Wir überprüften unter anderem seine Fußballschuhe. Die Frage lautete: Unterstützt dich dein Schuh wirklich bei deiner Leistung – oder limitiert er dich?

Schon nach den ersten Tests war Ahmed überrascht. Seine Reaktion war sinngemäß: „Warum hat mir das noch niemand gesagt? Das muss ich mit all meinen Schuhen überprüfen.“ Genau darum geht es. Kleine Veränderungen können die Qualität der Informationen verbessern, die das Gehirn aus dem Körper erhält – und damit auch die Bewegungsausführung beeinflussen.

Ein spannender Hinweis aus der Praxis

Im Gespräch erzählte Ahmed etwas Interessantes: „Wenn ich mich in die eine Richtung drehe, treffe ich neun von zehn Schüssen. In die andere Richtung vielleicht drei von zehn.“ Das war der entscheidende Ansatzpunkt. Viele würden jetzt vermuten, dass es am starken oder schwachen Fuß liegt. Doch Ahmed ist beidfüßig. Die Unterschiede in der Schusstechnik waren also nicht das eigentliche Problem. Stattdessen stellten wir eine andere Frage: Was passiert eigentlich während der Drehung?

Warum Rotation nicht gleich Rotation ist

Eine Drehung nach links ist neurologisch nicht identisch mit einer Drehung nach rechts. Damit ein Spieler nach einer schnellen Rotation sofort wieder präzise handeln kann, muss das Gehirn zahlreiche Informationen verarbeiten: Wie stark war die Beschleunigung? Wo befindet sich mein Körper im Raum? Wo ist der Ball? Wo sind Mitspieler und Gegner? Kann ich meinen Körper schnell wieder stabilisieren? Eine entscheidende Rolle spielt dabei das Gleichgewichtssystem.

Das Gleichgewichtsorgan als Schlüssel

Im Assessment überprüften wir die Funktion des Gleichgewichtsorgans. Tatsächlich zeigte sich in genau der Richtung, in der Ahmed Schwierigkeiten beschrieben hatte, eine Auffälligkeit. Das Gehirn erhielt dort offensichtlich weniger präzise Informationen. Daraufhin integrierten wir gezielte Übungen zur Verbesserung der vestibulären Verarbeitung in das Training. Das Ergebnis: Die zuvor schwächere Bewegungsrichtung ließ sich deutlich verbessern.

Der wichtigste Lernpunkt

Diese Einheit hat einmal mehr gezeigt, dass Athleten nicht immer mit einer klaren Problemstellung ins Training kommen. Gerade dann ist es Aufgabe des Trainers, Potenziale sichtbar zu machen und dem Sportler sofort einen spürbaren Mehrwert zu bieten. In der Neuroathletik sprechen wir dabei von Salienz. Das Gehirn muss erkennen, dass eine Veränderung relevant ist. Erst wenn eine Maßnahme einen unmittelbar wahrnehmbaren Unterschied macht, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sie dauerhaft übernommen wird.

 

 

Viel Erfolg beim Training!

Yassin & Team


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