Neurozentriertes Training online: Grenzen, Möglichkeiten und Erfahrungen aus der Praxis

jebrini training neuroathletik neuroathletiktraining online training yassin jebrini Jun 28, 2026

Viele Trainerinnen und Trainer fragen sich noch immer: Kann neurozentriertes Training überhaupt sinnvoll online durchgeführt werden?

Die kurze Antwort lautet: Ja. Nach mehreren Jahren intensiver Erfahrung – insbesondere seit der Corona-Zeit – zeigt sich, dass sich ein großer Teil der neurozentrierten Arbeit problemlos digital umsetzen lässt. Wir arbeiten heute mit Menschen auf der ganzen Welt und erleben täglich, dass Online-Coachings oft deutlich effektiver sind, als viele zunächst vermuten.

Natürlich gibt es einige Limitierungen. Gleichzeitig gibt es aber auch zahlreiche Möglichkeiten, diese auszugleichen.

Die größten Herausforderungen im Online-Setting

Der offensichtlichste Unterschied zum Präsenztraining: Ich kann den Menschen nicht direkt anfassen.

Dadurch fallen einige klassische Untersuchungen und Tests weg oder müssen angepasst werden:

  • Sensorische Tests lassen sich nicht in ihrer ursprünglichen Form durchführen.
  • Muskelfunktionstests können nicht direkt vom Coach ausgeführt werden.
  • Bestimmte Stabilitäts- und Gleichgewichtstests sind schwieriger umzusetzen.
  • Korrekturen durch manuelle Führung sind nicht möglich.

Diese Einschränkungen sind real. Sie bedeuten jedoch nicht, dass keine aussagekräftige Diagnostik möglich ist.

Assessments online anpassen statt darauf verzichten

Die entscheidende Frage lautet nicht: „Kann ich den Test exakt so durchführen wie vor Ort?“ Sondern: „Wie bekomme ich die Informationen, die ich benötige?“

Dafür werden Assessments angepasst.

Ein Beispiel sind klassische Stabilitätstests wie der Romberg-Test. Dieser lässt sich online nicht immer optimal durchführen. Stattdessen können Varianten genutzt werden, die ähnliche Informationen liefern, beispielsweise:

  • Standtests mit geschlossenen Augen
  • Einbeinstand-Variationen
  • Tandemstand oder Tandemgang
  • Bewegungsaufgaben mit verändertem visuellem Input

Oft entstehen dadurch sogar neue Erkenntnisse, weil die Anforderungen gezielt verändert werden können.

Die Technik ist heute selten das Problem

Noch vor einigen Jahren war die technische Umsetzung häufig eine Hürde. Heute besitzt nahezu jeder:

  • ein Smartphone mit guter Kamera,
  • ein Tablet oder
  • einen Laptop mit integrierter Kamera.

Damit lassen sich Bewegungen, Augenbewegungen und verschiedene Assessments in ausreichender Qualität beobachten.

Wichtig ist allerdings die richtige Vorbereitung:

  • Kamera sinnvoll positionieren
  • Ausreichende Beleuchtung sicherstellen
  • Genügend Platz für Bewegungsaufgaben schaffen
  • Klare Anweisungen vor Beginn geben

Gerade die Kameraausrichtung spielt eine entscheidende Rolle. Wer hier einige Minuten investiert, schafft optimale Voraussetzungen für eine erfolgreiche Online-Session.

Unterstützung vor Ort kann hilfreich sein

In manchen Situationen ist es ideal, wenn eine zweite Person vor Ort unterstützen kann.

Ein Partner, Familienmitglied oder Trainer kann beispielsweise:

  • Anweisungen umsetzen helfen,
  • bei Balance-Aufgaben absichern,
  • Bewegungen aus einer anderen Perspektive filmen oder
  • einfache Tests begleiten.

Das ist jedoch kein Muss. Die meisten neurozentrierten Trainings lassen sich problemlos ohne zusätzliche Unterstützung durchführen.

Die Struktur bleibt dieselbe

Ob online oder vor Ort: Der grundsätzliche Ablauf verändert sich kaum.

Eine erfolgreiche neurozentrierte Einheit basiert weiterhin auf:

  1. einer ausführlichen Anamnese,
  2. gezielten Assessments,
  3. einer klaren Zieldefinition,
  4. der Auswahl passender Interventionen und
  5. regelmäßigen Re-Assessments.

Die Methodik bleibt identisch. Lediglich die Durchführung einzelner Tests wird an das Online-Setting angepasst.

Welche Re-Assessments funktionieren besonders gut online?

Einige Überprüfungen haben sich in der digitalen Arbeit besonders bewährt:

Stabilität: Veränderungen im Gleichgewicht lassen sich häufig sehr gut beobachten und dokumentieren.

Sehschärfe: Einfache visuelle Tests können wertvolle Hinweise liefern und Fortschritte sichtbar machen.

Zielbewegungen: Augenbewegungen und visuelle Verfolgungsaufgaben lassen sich über die Kamera gut beurteilen.

Gangbild: Gehen, Richtungswechsel und verschiedene Gangvarianten geben wichtige Informationen über die aktuelle Leistungsfähigkeit des Nervensystems.

Ein Praxisbeispiel: Tandemgang mit geschlossenen Augen

Eine besonders spannende Erfahrung war die Arbeit mit einer Kundin beim Tandemgang mit geschlossenen Augen.

Viele würden vermuten, dass eine solche Aufgabe online kaum sicher oder aussagekräftig umsetzbar ist. Tatsächlich funktionierte sie hervorragend. Durch eine gute Vorbereitung, klare Instruktionen und die passende Kameraposition konnten relevante Informationen gewonnen und Veränderungen unmittelbar sichtbar gemacht werden.

Solche Erfahrungen zeigen immer wieder: Die eigentliche Grenze liegt häufig weniger in der Technik als in unserer Vorstellung davon, was online möglich ist.

Online-Training erfordert mehr Kommunikation

Ein wichtiger Unterschied bleibt jedoch bestehen: Die Kommunikation gewinnt an Bedeutung.

Da direkte manuelle Korrekturen entfallen, müssen:

  • Anweisungen präziser sein,
  • Erwartungen klar kommuniziert werden,
  • Vorbereitungen sorgfältiger erfolgen und
  • Rückmeldungen gezielter abgefragt werden.

Wer diese Fähigkeiten entwickelt, kann online oft genauso effektiv arbeiten wie im persönlichen Kontakt.

 

 

Viel Erfolg beim Training!

Yassin & Team


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