Trainingseinblick mit Rennfahrer Laurin Heinrichs: Wenn Neuroathletik auf Motorsport trifft

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Mit Geschwindigkeiten von bis zu 250 km/h entscheidet nicht nur das Fahrzeug über Erfolg oder Misserfolg – sondern vor allem der Mensch hinter dem Lenkrad. Im Jahr 2022 durfte ich den Rennfahrer Laurin Heinrich im Rahmen eines individuellen neurozentrierten Fitnesstrainings begleiten. Das Ziel: den Athleten leistungsfähiger zu machen, indem wir sein Nervensystem gezielt optimieren.

Der erste Schritt: Assessments statt Standardtraining

Bevor ein Trainingsplan entsteht, steht bei mir immer eine ausführliche Analyse. Neben einer Anamnese untersuchen wir, welche Strukturen des Nervensystems optimal arbeiten und welche mehr gezielten Stimulus benötigen.

Im Motorsport gibt es dabei allerdings Grenzen. Manche Systeme – beispielsweise das Gleichgewichtsorgan unter den Belastungen eines Rennfahrzeugs – lassen sich aus Sicherheitsgründen oder aufgrund der fehlenden Spezifität nur eingeschränkt testen. Trotzdem liefern die Assessments wertvolle Hinweise darauf, wo die größten Potenziale liegen.

Erst die Ausrüstung, dann der Athlet

Ein oft unterschätzter Faktor ist die Ausrüstung. Deshalb haben wir zunächst Helm, Handschuhe und Schuhe überprüft. Auch Details wie das Visier beziehungsweise die Tönung des Helms können theoretisch Einfluss auf die visuelle Informationsverarbeitung haben.

Bei Laurin zeigte sich jedoch: Seine Ausrüstung stellte keinen limitierenden Faktor dar.

Eine interessante Erkenntnis aus der Motorsportwelt war für mich, dass häufig eher Geld in einen neuen Kotflügel investiert wird als in die Leistungsentwicklung des Fahrers. Dabei gilt gerade im professionellen Rennsport: Das Auto ist nur ein Teil der Gleichung. Am Ende muss der Athlet die vorhandene Performance auf die Strecke bringen.

Informationsqualität entscheidet über Performance

Im Rennsport ist die Qualität der sensorischen Informationen entscheidend. Braucht ein Fahrer präzise Informationen aus den Füßen für Gas und Bremse? Absolut. Braucht er exakte Rückmeldungen aus Armen und Händen für die Fahrzeugkontrolle? Ebenfalls. Genau hier setzt die Neuromechanik an. Je besser das Gehirn Informationen aus dem Körper erhält und verarbeitet, desto präziser können Bewegungen gesteuert werden.

Bei Laurin zeigte sich in den Assessments eine leichte Schwäche der linken Kleinhirnseite im Vergleich zur rechten. Das Kleinhirn spielt eine zentrale Rolle für Kontrolle, Koordination und die Feinabstimmung von Bewegungen. Gerade im Motorsport, in dem beide Hände permanent präzise arbeiten müssen, ist das ein wichtiger Ansatzpunkt. Zusätzlich reagierte sein Nervensystem sehr positiv auf Maßnahmen zur Entspannung der Nervenversorgung des linken Arms, weshalb dieser Bereich gezielt in das Training integriert wurde.

Das Trainingskonzept

Auf Basis der Ergebnisse entstand ein individuelles Trainingsprogramm. Ein Schwerpunkt lag auf Air Hunger, um die Atemkontrolle und die CO₂-Toleranz gezielt zu trainieren. Ergänzend arbeiteten wir mit einer Utriculus-Aktivierung, um die reflektorische Stabilität zu verbessern. Der Utriculus gehört zum Gleichgewichtssystem und liefert wichtige Informationen über lineare Beschleunigungen – ein Bereich, der im Rennsport eine enorme Bedeutung hat.

Da die linke Seite in den Assessments Auffälligkeiten zeigte, erhielt sie im Training bewusst mehr Volumen und Belastung. Viele Übungen wurden bilateral durchgeführt, wobei die linke Seite jeweils einen zusätzlichen Trainingsreiz bekam. Ein weiterer Baustein war der Infinity Walk, eine Übung zur Verbesserung der Integration verschiedener Sinnesinformationen und der Koordination. Abgerundet wurde das Programm durch spezifisches visuelles Training – inklusive Helm. Ziel war es, die Trainingsbedingungen so nah wie möglich an die Realität in der Box und auf der Rennstrecke anzulehnen.

Fazit

Neurozentriertes Training ersetzt im Motorsport weder Technik noch Fahrpraxis. Es kann jedoch dazu beitragen, die Leistungsfähigkeit des Fahrers gezielt zu steigern, indem sensorische Informationen besser verarbeitet und Bewegungen präziser gesteuert werden.

Gerade im Grenzbereich, in dem Hundertstelsekunden entscheiden, können kleine Verbesserungen der neuronalen Verarbeitung einen spürbaren Unterschied machen. Genau deshalb lohnt sich der Blick nicht nur auf das Fahrzeug – sondern auch auf das Nervensystem des Menschen, der es bewegt.

Viel Erfolg beim Training!

Yassin & Team


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